Elisabeth von
Nassau-Saarbrücken und ihr Roman Sibille
Jägersburg als Handlungsort eines mittelalterlichen Romanes
Am 10.10.1402 wurde Jägersburg,
damals Hattweiler genannt, an den Grafen Philip I. von Nassau-Saarbrücken
verpfändet, der Burg und Weiler bis 1406 für Jagdvergnügungen nutzte. Die Veste
warf zu jener Zeit keinen Gewinn mehr ab und wurde mehrfach als Lehen
weitervergeben. Doch in der zweiten Dekade des fünfzehnten Jahrhunderts muß die
Burg wieder von den Saarbrücker Grafen genutzt worden sein.
Elisabeth von Nassau-Saarbrücken
wurde um 1395 in einer der französischen Burgen ihres Vaters Friedrich von
Lothringen geboren und verlebte auch dort ihre Kindheit. Im Jahre 1412
heiratete sie den Grafen Philip I. von Nassau-Saarbrücken.
Zu dieser Zeit verwaltete ein
Amtmann Hans Ryten Esel zu Ruschenburg Burg Hattweiler. Es geht nicht aus den
Unterlagen hervor, ob er im Auftrage der Lehensnehmer Anselm von Bitsch und
Symont Mauchenheimer oder des Grafen von Saarbrücken sein Amt versah. Immerhin
klafft von diesem Jahr bis zum Jahr 1437 ohnehin eine Lücke in den Unterlagen.
In dieser Zeit muß Elisabeth die alte Stauferburg kennengelernt haben, die
ihrem Gatten noch immer als Pfand diente und wahrscheinlich wieder als
Jagdschloß genutzt wurde. Offenbar prägte sich dieser wohl als angenehm
empfundene Aufenthalt tief in das Gedächtnis der jungen Gräfin Elisabeth ein.
Elisabeth scheint eine sehr gute
Erziehung genossen zu haben, die ihre Persönlichkeit nur noch unterstützte. Sie
konnte lesen und schreiben, für Frauen der damaligen Zeit eine seltene Gabe und
war ohne Zweifel von hoher Intelligenz. Sie beherrschte nicht nur ihre
französische Heimatsprache, sondern auch die deutsche Sprache in Wort und
Schrift. Besonders bemerkenswert scheinen aber ihre literarischen Fähigkeiten
gewesen zu sein.
In Ermangelung anderer Medien trugen im Mittelalter die
fahrenden Sänger die Neuigkeiten und erdichtete Geschichten von Burg zu Burg
und trugen so zur Unterhaltung und Abwechselung von dem Einerlei des Alltages
bei. Die Lyrik der Minnesänger zielte häufig auf politische Themen und war
zumindest zu Beginn noch ganz in der gesprochenen Sprache verwurzelt. Viele der
bekannten Sänger aus edlem Geschlecht sollen der Fama nach des Lesens und
Schreibens unkundig gewesen sein. Erst spät, vermutlich im vierzehnten
Jahrhundert wurden die Liedtexte niedergeschrieben. Bekannte Vertreter dieser
Minnesänger in deutschen Landen tragen Namen wie Walther von der Vogelweide, Ulrich von Gutenburg, Hartmann von Aue,
Wolfram von Eschenbach und Ulrich von Lichtenstein, der auch angeblich weder
lesen noch schreiben konnte.
Ende des vierzehnten Jahrhunderts scheinen die Sagen und
Märchen um Karl den Großen besonders beliebt gewesen zu sein. Ein Stoff, der
sowohl von Herz und Schmerz, als auch von Abenteuer und Kampf handelte und
somit zum Träumen an langen und ereignislosen Abenden anregte. Auch Beispiele
von Mut, Gerechtigkeit und Vorbild finden sich darin. Kein Wunder also, daß in
Elisabeth der Wunsch erwachte, diese Lieder in Worte zu fassen und als
Prosaerzählung niederzulegen. Für eine Frau ihrer Zeit kann eine solche
Aktivität und vor allem die dazu notwendige Bildung als äußerst ungewöhnlich
angesehen werden.
Fritz Burg, der bereits 1898 mit
den Nachforschungen zu dem Roman ‚Sibille’ begann, und Hermann Tiemann, der die
Forschungen bis 1977 vollendete, konnten zweifelsfrei ermitteln, daß Elisabeth
die französischen Chansons, die ihr anscheinend als Liederheft(e) vorlagen,
nicht nur übersetzte, sondern sie auch nahezu originalgetreu zu einer
frühneudeutschen Prosa verarbeitete. So entstanden etwa um 1430 die Romane
„Huge Scheppel“, „Lother und Maller“, „Herpin“ und „Sibille“, die zusammen
einen Zyklus bilden. Gerade letzterer ist für uns besonders interessant, wird
doch hier die Burg Hattweiler erwähnt. Alle vier Romane wurden zwischen 1455
und 1472 in Prachthandschriften für den Sohn Elisabeths, den Grafen Johann III.
von Nassau-Saarbrücken niedergeschrieben. Sie sind uns heute noch erhalten und werden
in der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg aufbewahrt.
Der Inhalt des in
rheinfränkischer Schriftsprache verfaßten Romanes erzählt die Geschichte der
Tochter des byzantinischen Kaisers (vermutl. Konstantin III.), Sibille genannt,
die der Frankenkönig Karl zur Frau nahm. Ein gar häßlicher Zwerg intrigiert
gegen die untadelige Königin und Karl verbannt die unglückliche Frau aus seinem
Reich. Nach vielen Abenteuern gelingt es ihr und einigen Getreuen, die
Machenschaften des Zwerges aufzudecken, den König ob seiner Ungerechtigkeit zu
beschämen und erneut das Wohlwollen Karls zu erringen.
Natürlich hat dieser Roman wenig
mit der Wirklichkeit zu tun. Tatsächlich freite die byzantinische Kaiserin
Irene bei Karl um dessen Tochter für ihren minderjährigen Sohn Konstantin, doch
nahm Karl sechs Jahre später Abstand von seiner ursprünglichen Zusage. Das war
aber der einzige Verbindungsversuch mit Byzanz, auch Konstantinopel genannt.
Der Zwerg allerdings hat schon
einen realen Hintergrund, doch nicht in der im Roman geschilderten Art. Mit
seiner ersten Frau Himiltrud zeugte der König einen Sohn, Pipin genannt, der
körperlich mißgebildet war. Auf Betreiben seiner dritten Frau wurde der
Erstgeborene von insgesamt siebzehn bekannten Kindern Karls entrechtet. Karl
heiratete im Laufe seines Lebens insgesamt fünf Ehefrauen, und verfügte über
mehrere Nebenfrauen, von den Gesellschafterinnen, die ihm nach merowingischer
Sitte „des Nachts den Becher kredenzten“ einmal abgesehen. Man kann annehmen,
daß außer den bekannten Kindern noch so mancher unbekannte Sprößling
existierte. Der so um die Thronfolge gebrachte „Zwerg“ Pipin versuchte
schließlich vergeblich durch ein Attentat an die Macht zu kommen und endete
nach einer auch für damalige Verhältnisse schweren Auspeitschung als
Staatsgefangener im Kloster Prüm.
Soviel zum Bezug des Romanes zur
Realität. Er ist weniger als Historikal denn als unterhaltsame Fantasy
einzuordnen.
Im Verlauf der Handlung sucht
König Karl Schutz in der Burg Hattwil (Hattweiler), die aber nach dem
Handlungstext als Höhenburg geschildert wird. Elisabeth hat die im Lied
genannte Burg Hautefeuille kurzerhand umbenannt, ohne die örtlichen
Gegebenheiten dabei zu verändern, obwohl Burg Hattweiler als Wasserburg in
einem Tal erbaut wurde. In einer zeitgleichen französischen und einer weiteren
spanischen Fassung, die beide unabhängig von der deutschen Dichtung anonym
entstanden, ist der Originalname beibehalten worden. Auch andere Textfragmente,
gefunden in der Schweiz und in England, bestätigen den alten Namen
Hautefeuille.
Diese kleine Eigenmächtigkeit der
Elisabeth von Nassau-Saarbrücken geht wohl auf den Eindruck zurück, den sie von
ihrem Aufenthalt auf der Stauferburg im Gedächtnis behielt. Die nicht sonderlich geräumige Wasserburg
lag in einer urwüchsigen Umgebung, unweit des kleinen Dorfes Hattweiler, dem
heutigen Jägersburg. Noch heute spürt der Besucher jenen Hauch von Romantik und
Naturfrieden, wenn er zu Füßen des ehemaligen Hauptturmes am Rande des
Schloßweihers steht.
Der Roman selbst hebt sich durch
seine Kürze und klare Gliederung von den französischen und spanischen Versionen
ab, die das Thema in epischer Breite auswalzen. Die vergleichende Forschung
Burgs und Tiemanns kam zu dem Ergebnis, daß Elisabeth das umfangreiche Chanson
als Grundlage für ihre Arbeit nutzte und nicht, wie früher angenommen wurde,
eine andere Prosaerzählung als Zwischenstufe zur Verfügung hatte. Damit ist
ihre Leistung nur noch höher zu bewerten, da sie einen unzählige Strophen
umfassenden Liedtext zu einer novellenartigen Prosaerzählung kürzte, die auch
dem heutigen Leser noch eine spannende und lesenswerte Handlung vermittelt. Es
ist müßig zu erwähnen, daß die deutsche Sibillenprosa allein in dieser
Handschrift überliefert wurde. Elisabeth entwickelte einen Stil, der von den zu
jener Zeit üblichen Schreibweisen abwich und schon fast moderne Züge trägt.
Jägersburg, das in diesem Jahr auf seine erstmalige Erwähnung vor 730 Jahren
zurückschaut, kann stolz sein, in einem heute einzigartigen Werk deutscher
Prosadichtung erwähnt zu werden.
Ulrich Vicari